Pragmatisches Spielleiten – Teil 1
Aug 21st, 2009 by hendrik
So, das Tanelorn Sommertreffen 2009 liegt hinter mir und nicht ganz ohne Stolz kann ich behaupten, mich des Wiederauflebenlassens der Workshopkultur und damit der Begründung einer neuen Tradition auf den bewährten Treffen des einzig waren Fantasy-Forums rühmen zu können (wobei es dem unkundigen Leser mitgeteilt sein, dass wir Tanelornis gern und oft neue Traditionen übernehmen – meist bereits nach erstmaligen Erfolg
): Dem Workshop.
Da mein Workshop, dank plötzlich auftretender sommerlicher Hitze nach draußen verlegt, trotz eines Vormittagstermins (den passionierte Rollenspieler ja eigentlich immer mal wieder gerne verschlafen) sehr gut besucht wurde (zur Hochzeit konnte ich immerhin 18 Teilnehmer zählen) und ich durchweg positive Resonanz für den Inhalt bekommen habe, möchte ich an dieser Stelle auch etwas zurück geben. Ihr werdet in den kommenden Wochen hier, in Form verschiedener Essays, eine Ausarbeitung aller angesprochenen Themen finden.
Auch ich habe vom Workshop noch einiges an Input mitnehmen können, und werde dies in die Ausarbeitungen einfließen lassen. Ich hoffe dem geneigten Leser dadurch noch einige positive Impulse geben zu können und würde mich über Kritik, Zustimmung und sonstige konstruktive Kommentare, entweder direkt hier an dieser Stelle oder auch gern im Tanelorn, freuen. Nun aber genug der Blubberei, steigen wir also ein die wunderbare Welt des pragmatischen Spielleitens.
Pragmatisches Spielleiten – Begriffsklärung und Definition
Im Rahmen der an dieser Stelle startenden Essay-Reihe möchte ich euch den von mir mittlerweile im Pen&Paper Rollenspiel vor allen anderen präferierten Spielstil ein wenig näher bringen. Es handelt sich dabei um ein modulares Konzept von einer überschaubaren Anzahl verschiedener Techniken, die ich je nach Anspruch und vor allem Anforderung kombiniere, um ein für mich (und in aller Regel doch hoffentlich auch für meine Mitspieler) optimales Spielerlebnis zu ermöglichen.
Den Anfang macht heute eine grobe Übersicht über‘s Thema und eine Definition der von mir verwendeten Begriffe und grundlegenden Prinzipien. Dem fachkundigen Leser mögen, gerade zu Beginn, einige Parallelen zum Lean Management und zur agilen Softwareentwicklung auffallen. Dies kommt nicht von ungefähr, da ich mich bereits seit längerer Zeit mit diesen Themen beruflich beschäftige und dies, durchaus positiv, auch auf meinen Spielstil im Rollenspiel abgefärbt hat.
Pragmatisches Spielleiten ist ein Begriff, den ich zur Bezeichnung meines eigenen Spielstils im Pen&Paper Rollenspiels gewählt habe. Dieser Spielstil ist sicherlich eher der erzählerischen Schiene des Hobbys zuzuordnen und rückt den kollaborativen Prozess des Geschichten Erschaffens in den Mittelpunkt des Rollenspiels. Kurz formuliert kann man dies wohl am ehesten folgendermaßen zusammen fassen: Wir als Gruppe wollen gemeinsam eine interessante Geschichte erzählen. Wie bekommen wir das mit möglichst wenig Arbeit hin?
Um das genannte Ziel zu erreichen, erlaube ich mir, einige wenige Kernprinzipien zu definieren, auf denen das Spiel der Gruppe fußen sollte. Dies sind weder besonders viele noch besonders schwierig umzusetzende Punkte. Wenn ihr also irgendetwas von dieser ganzen Methodik im Hinterkopf behalten solltet, lasst es bitte dies sein
.
- Beachte Regel 0. Immer. Regel 0 besagt, dies kann man in der deutschsprachigen Forenlandschaft eigentlich ohne große Mühe in Erfahrung bringen, „Spiele nicht mit Idioten“. Wenn Du mit bestimmten Leuten im Rollenspiel nicht klar kommst, dann spiel nicht mit Ihnen. Und solltest Du selbst einmal der Idiot sein (was bei uns allen ja immer wieder mal vorkommt), dann arbeite erst ein wenig an Dir, bevor Du mit anderen spielst.
- Pragmatismus ist die Maxime. Es soll genau so viel Arbeit ins Spiel investiert werden, dass alle Leute genau das erhalten, was sie sich vom Spiel erhoffen. In aller Regel, das zeigt die Erfahrung, bekommt man sogar deutlich mehr. Allerdings nur dadurch, dass man sich untereinander beflügelt und anspornt, nicht dadurch, dass man Tonnen an Material vor- oder auch nachbereitet, dass für das Spiel wenig bis keine Relevanz hat.
- Kollaboration ist die Grundvorraussetzung. In der Regel bereitet es niemandem größere Schwierigkeiten zu erkennen, dass er nicht alleine am Spieltisch sitzt (Merke: Es gilt immer noch Regel 0!). Die zentrale Erkenntnis des pragmatischen Spielleitens ist aber, dass diese Techniken auf die Zusammenarbeit aller Mitspieler angewiesen sind. Der SL ist nahezu keinem Bereich der „Alleinentscheider“ und schon gar kein „Alleinunterhalter“ (ebenso wenig wie irgendjemand sonst). Stattdessen tragen alle, die am Tisch sitzen, gleichsam den kreativen Prozess auf ihren Schultern. Jedem Mitspieler steht es zu, einmal zu glänzen. Jeder hat aber genau so das Recht und vor allem auch die Pflicht, mal in den Hintergrund treten zu dürfen respektive zu müssen. Und alle sind dafür verantwortlich, aufeinander zu reagieren und sich gegenseitig die Bälle zuzuwerfen.
- Ergebnisoffenheit ist die Methode. Die Geschichte entsteht im Spiel. Nicht davor. Nicht danach. Für die Gruppe heißt das, sich vorher schon über ein Ziel einig zu sein, und für den SL heißt das, eben nicht auf dieses Ziel hin zu arbeiten, sondern sich alle Alternativen offen zu halten. Was im Spiel behandelt werden soll, entscheiden alle zusammen im Vorfeld. Oder durch die Signale, die sie ihren Mitspielern im Spiel geben.
- Mut ist die eine notwendige Voraussetzung. Probiere immer wieder neue Dinge aus. Techniken können nur funktionieren, wenn man sie ausprobiert. Sage häufiger mal „Heute möchte ich mal dies und das ausprobieren“. Trau Dich, denn selbst wenn es schief geht, werden Deine Mitspieler Dich auffangen. Ebenso ist es Deine Pflicht, laut und deutlich klar zu machen, dass Dich etwas stört, wenn genau dies der Fall ist. Deine Meinung und Deine Aussagen sind nämlich das Einzige, mit dem Deine Mitspieler arbeiten können.
- Ehrlichkeit ist die andere notwendige Voraussetzung. Niemandem am Spieltisch ist damit gedient, wenn man nicht ehrlich miteinander umgeht. Das heißt zuallererst: Schummle nicht. Auch nicht als Spielleiter. Denn es gibt keinen Grund dafür (Ja! Doch! Wirklich!
). Verarsche Deine Mitspieler auch sonst nicht. Die klassische Methode (der auch ich viel zu lange gefolgt bin), dem SL alles aus der Nase ziehen zu müssen, ist nichts anderes als eine Verarsche. Der tolle Plot, der nur im Hirn des SL existiert und von dem die Spieler nichts mit bekommen ebenso. Also lass diesen Quatsch.
Eigentlich war es dann erst einmal für dieses mal. In Kürze geht es dann weiter mit der „Spielvorbereitung“.

