Wie man heute morgen auf heise.de lesen konnte, drängt die KJM die Provider dazu, freiwillig alles zu sperren, was im Verdacht steht, jugendgefährdend zu sein. Und ähnlich wie bei unserer allseits beliebten Familienministerin geschieht dies natürlich mit ausgeprägter Polemik, aber ohne Sach- oder gar gesunden Menschenverstand.
Anstandsdamen für Chats? Ständig zu überprüfende Altersfreigaben für Onlinespiele? Wenn ihr nicht freiwillig alles sperrt, was irgendwie jugendgefährdend sein könnte, liebe ISPs, dann zwingen wir euch einfach dazu?
In der Tat, dass alles klingt nach erwachsenen, technisch versierten und überaus praktikablen Lösungen für ausgesprochen schwerwiegende Probleme.
In Zuge dieser ganzen Panikmache ist auch ein bisschen Prozentrechnung sicherlich nicht verkehrt, um uns wieder zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen. In den beiden vergangenen Jahren gingen bei der KJM insgesamt 314 Beschwerden ein. Ausgehend davon, dass sich da jedesmal wirklich jemand anders beschwert hat, sind das doch glatt nach Adam Riese (und Wolfram Alpha) 0.000073888 % der Internetnutzer in Deutschland. Das ganze Ausmaß der Katastrophe sollte demnach jeder sofort erkennen können. Ich gebe zu, man kann natürlich, und das wäre jetzt völlig valide, anmerken, dass 314 Beschwerden im Vergleich zu den knapp 240 Millionen Seiten des Netzes (laut Netcraft) natürlich ebenfalls nur ein Fliegenpups sind. Aber, und das ist meiner Meinung der wesentliche Punkt – die KJM vertritt nicht die Meinung dieser Webseiten, sondern die Meinung unserer Politik – die sich wiederum nach der Meinung des Volkes richten sollte. Warum also der ganze Wirbel wegen 314 Menschen, die sich Sorgen um ihre Kinder machen, aber offensichtlich nicht fähig sind, diese aus eigener Kraft heraus vor den Dämonen des Internets zu schützen? Wie gute Eltern, die Verantwortung für das Wohl und die Erziehung ihrer Kinder übernehmen, das eigentlich tun sollten?
Was mir, pessimistisch wie ich nun einmal veranlagt bin, dies alles wieder überdeutlich zeigt – es lohnt sich nicht mehr wirklich, sich noch Hoffnungen zu machen, dass aus Deutschland einst ein moderner Staat der globalen Informationsgesellschaft werden wird. Geben wir es doch einfach zu, wir sind ein hoffnungslos überaltertes Land, und eine Lobby haben bei uns nur die Leute 40+ – wahrscheinlich ist das sogar das noch zu niedrig gegriffen.
Und entgegen den Äußerungen von Zensursula haben bei uns auch Kinder keine echte Lobby. Natürlich versucht man sie so gut wie möglich vor allen Gefahren zu schützen. Aber auf welche Art und Weise? Warum fördert, nein fordert man nicht die Verantwortung der Erziehungsberechtigten, der Betreuer, der Lehrer ein? Warum bekämpft man nur die oberflächlichsten Symptome, anstatt das Übel an der Wurzel zu packen? Ganz einfach, liebe Freunde: Weil man es nicht will. Kinder wählen nämlich nicht. Und wir haben nun einmal sehr viel mehr verbohrte, technikferne Senioren in diesem Land, die den Parteien bereitwillig ihre Stimmen schenken als junge, verantwortungsbewusste Eltern, die nachdenken, bevor sie ihr Kreuz machen.
In diesem Sinne möchte ich mit den folgenden Worten schließen: Kulturell stampfen wir geradezu wieder ab in ein neues Mittelalter, in dem freies Denken und verantwortungsbewusstes Handeln dem Untertan Bürger abgesprochen wird. Das gute daran – irgendwann kommt es bestimmt auch wieder zu einer Renaissance. Nur werden wir da nicht mehr sehr viel von zu sehen bekommen.